PARTIZIPATION: teilhaben/teilnehmen

Der Begriff Partizipation hat im Bereich des Theaters Konjunktur und wird seit einigen Jahren als erfolgreicher, allerdings wenig reflektierter Slogan in der Theaterpädagogik genutzt. Was unter Partizipation verstanden werden soll, ist allerdings umstritten: dem Standpunkt, dass das Prinzip der Partizipation erfüllt ist, wenn allen Schichten der Bevölkerung der Zugang zu Theateraufführungen ermöglicht wird, steht die Überzeugung gegenüber, dass sich die Institution Theater nicht darauf beschränken darf, seine ästhetischen Studien zu betreiben. Es muss sich auch die Frage gefallen lassen, „wem das Theater in Zukunft gehören“ soll (Bicker) und: Wer stellt dessen Spielregeln auf?

Allein die Tatsache, dass Partizipation als wünschenswert oder konstitutiv für die Gesellschaft betrachtet wird, sagt wenig mehr aus, als dass es eine Situation gibt, in der Menschen handeln – gemeinsam, gegenläufig, separiert. Zudem wird Partizipation im Spannungsfeld von Teilhabe und Teilnahme diskutiert: „Passiv verstanden meint partizipieren Teil-haben ('mein' Tortenstück); in seiner aktiven Bedeutung steht es für Teil-nehmen ('meine' Wählerstimme).“ (Fach) Kulturelle Partizipation wird meist als „soziale Teilhabe“ (Lösch) verstanden, da sie aus sozialwissenschaftlicher Perspektive der „machtlosen Sphäre“ zugerechnet wird. Zu Fragen wäre, ob dies so zutreffend ist, oder ob Kunst nicht auch die Möglichkeit bietet, die „Wirklichkeitsinszenierungen um[zu]inszenieren“ (Schlingensief).

Im „kollektiven Prozess des Theaters“ (Kurzenberger) innerhalb der Theaterpädagogik erfährt diese Perspektive noch eine weitere Dimension: Insofern das Theater auch außerhalb szenischer Settings und jenseits künstlerischer Fragen im Probenprozess soziale Ensembles formt und auf Kooperation divergenter Peers setzt, ist Teilnahme auch auf Produktionsebene bedeutsam. Der „Sozialität des Theatralen“ (Weintz) ist daher sowohl innerhalb der konkreten künstlerischen Produktion wie auch an deren Rändern nachzuspüren, etwa in der Analyse von Rezeptionsprozessen oder auch in der Manifestation von Theaterhäusern im kommunalen Kontext.

Dementsprechend soll der primär sozialwissenschaftlich konturierte und breit aufgestellte Begriff der „Partizipation“ im Rahmen der Tagung in seiner Breite und Tiefe im ästhetischen Feld des Theaters befragt werden. Gleichzeitig soll er im Kontext und
Verständnis von „Theater als Sozialer Kunst“ einen konkreten Zugriff erfahren: Was meint hier Partizipation? Wem nutzt Partizipation? Wer nutzt Partizipation?
In diesem Sinne gilt es „Theater als Gesellungsereignis“ (Otto) den Begriff in seiner ästhetisch-performativen Wirkmächtigkeit zu befragen; gleichzeitig sollen die inszenatorischen Strategien, die zur Formung solch sozialer Zusammenkünfte führen, identifiziert werden. Schließlich gilt es auch die konkreten Prozesse der sozialen und ästhetischen Interaktionen zu analysieren.

In drei Panels wird das Thema „Partizipation: Teilhaben/Teilnehmen“ unter den Schlagworten „Partizipation von Anfang an?“, „Nazis eine Bühne geben? Zur Frage der Partizipationsfähigkeit“ und „Theater/Politik/Teilhabe“ diskutiert. Die Tagung mündet in einem interaktiven Format, bei dem alle Tagungsgäste eingeladen sind, ihr Wissen zu teilen. Näheres hierzu finden Sie auf dem Anmeldungsformular.
Die interaktive Tagungsdramaturgie lädt Expert_innen aus sämtlichen Disziplinen und Arbeitszusammenhängen ein, die eigene Expertise und Sichtweise als Praktiker_in oder Wissenschaftler_in einzubringen. Alle Beiträge, Diskussionen und Ergebnisse werden aufbereitet und fließen in eine Publikation ein.

Theater als Soziale Kunst (Teil 2 von 3)
Die Arbeitstagung ist der zweite Teil der Tagungstrilogie „Theater als Soziale Kunst“ an der FH Dortmund, die von Prof. Dr. Melanie Hinz, Prof. Dr. Norma Köhler und Prof. Dr. Christoph Lutz-Scheurle verantwortet wird. Partizipation ist nach „BIOGRAFIEren auf der Bühne“ (2014), die zweite Dimensionierung eines Sozialen Theaters. Der dritte Zugriff auf das Theater als einer Sozialen Praxis wird 2016 das Thema „Forschendes Theater in sozialen Feldern“ sein.

Literatur:
Bicker, B.: Für ein Theater der Teilhabe – Rede anlässlich des 125 jährigen Jubiläums des Burgtheaters; auf: www.nachtkritik.de; URL: http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=8626:wem-gehoert-die-kultur-bjoern-bickers-vortrag-auf-dem-kongress-125-jahre-burgtheater-in-wien&catid=101:debatte&Itemid=84; Zugriff: 12.6.2014.
Kurzenberger, H.: Der kollektive Prozess des Theaters. Bielefeld: Transcript 2010
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Schlingensief, C. zit. in: Kurzenberger, Hajo 2007: „Die politischen Künste des Theaters der Gegenwart“, in: Jahrbuch für Kulturwissenschaft und ästhetische Praxis 2007: Politische Künste, S. 59-76.
Fach, zit. in: Lösch, B.: „Keine Demokratie ohne Partizipation: Aktive Bürgerinnen und Bürger als Ziel der politischen Bildung“. In: Benedikt Widmaier, Frank Nonnenmacher (Hg.): Partizipation als Bildungsziel. Politische Aktion und politische Bildung. Wochenschau Verlag: Schwalbach/Ts. 2011; S. 111-124.
Weintz, J.: Theaterpädagogik und Schauspielkunst. Ästhetische und psychosoziale Erfahrung durch Rollenarbeit. Milow: Schibri 2008.
Otto, U.: Internetauftritte. transcript-Verlag: Bielefeld 2012.